Ortsgruppe Mühlheim am Main e.V.

Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur

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Ohne Stolperstein - Familie Friz

Paul, Jula, Leopold und Anna Friz

Herrnstraße 12

Mühlheim

 

Perenz Friz[1] wurde am 23.12.1898 in Chęciny, im Kreis Kielce, in Polen, geboren. Chęciny ist eine Stadt in Polen in der Wojewodschaft Heiligkreuz.  Die Stadt hat etwa 4.200 Einwohner und ist Sitz der gleichnamigen Stadt- und Landgemeinde.

Perenz wurde von allen nur Paul genannt und war Friseur und Schneider von Beruf. Er war mit Chaja Ita Friz verheiratet. Beide wohnten in der Herrnstraße 12.

Chaja Ita Friz, geb. Ginsberg, wurde am 15.12.1895 in Zawiercie in Polen, geboren. Zawiercie liegt im Krakau- Tschenstochauer Bergland rund 45 km nordöstlich von Katowice  und etwa 70 km nordwestlich von Krakau. In der Nähe der Stadt entspringt die Warthe.

Chaja Ita Friz, sie wurde von allen nur Jula Friz genannt, war Hausfrau, Schneiderin und Friseurin von Beruf.

Beide heirateten und zogen am 27.03.1920 nach Mühlheim am Main. Paul trat sofort nach seinem Umzug nach Mühlheim dem Fußballverein „Kickers Viktoria“ bei und war bis zu seinem Zwangsaustritt im Jahr 1933 Mitglied.

Ihr Sohn Leopold Friz, wurde am 09.05.1921 in Mühlheim am Main geboren. Ihre Tochter Anna Tauba (siehe Bild rechts)  wurde am 16.08.1922 in Mühlheim am Main geboren.

Paul war mit vielen anderen jüdischen Männern am 10.11.1938 im Wachthäuschen eingesperrt. Danach kam er ins KZ Buchenwald, wo er bis Frühjahr 1939 inhaftiert blieb.

Paul und Jula verfügten laut amtlichen Angaben über 20,- bis 25,- RM wöchentlich. Beide wollten, ebenso wie viele Menschen, Nazi-Deutschland verlassen und in die USA ausreisen. Ausreiseanträge nach St. Paul in Minnesota hatten sie schon gestellt.

Foto:

Stadtarchiv Paderborn A 3304

In der 23. Ausgabe von „Das Mühlrad“, dem „Info-Magazin für Mühlheim am Main“ vom Juli 2000 ist folgende Erzählung abgedruckt, die aus den Erinnerungen von Hedwig und Walter Bergmann stammen und vom Ehrenmitglied des Mühlheimer Geschichtsvereins Richard Krug festgehalten wurde:

 

„Couragierte Hilfe in dunkler Zeit“

 

Nein vom Gutgehen konnte Paul Fritz in der Mühlheimer Herrnstraße 12 nicht reden. Im Gegenteil! Seit der „Reichskristallnacht“, dem Judenpogrom im November 1938, hatten die Juden in Deutschland eine Unmenge von Nachteilen, Behinderungen und Schmähungen über sich ergehen zu lassen. Die Synagoge im Spinatgäßchen hatte gebrannt und Paul Fritz wurde mit vier Mühlheimer Juden vorerst ins Wachthäuschen gesperrt und Tage später waren sie nach Buchenwald ins Konzentrationslager gebracht worden. Zwar wurden sie nach etwa einem halben wieder entlassen, aber sie hatten Erfahrungen gemacht, die sie für die Zukunft wahrlich kein Paradies erwarten ließ-

Paul Fritz, gelernter Schneider, und seine Frau Julia, geb. Ginsberg, gelernte Schneiderin, hatten vielen Mühlheimern gut sitzende Kleider und Anzüge genäht. An den Wochenenden betätigten sich beide im Friseurhandwerk. Man war mit der Familie Fritz und ihrer Tätigkeit zufrieden.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges, der gesteigerten Judenhetze, wurde es aber schlimm und schlimmer. Sie mussten den Judenstern tragen, durften in ihren Geschäften nur noch Juden bedienen, die Männer mussten zu ihren Vornamen das Wort „Israel“, die Frauen „Sara“ schreiben, im Rahmen der Arisierung verloren die meisten ihren Besitz.

Zwar erwirkte der damalige Bürgermeister Winter in einem Antrag vom 30. Juli 1940 an den Landrat, daß „Julia Sara Fritz“ sich weiterhin als „gewerbliche Schneiderin ohne Gehilfin und Friseuse ohne Laden unter ausdrücklicher Beschränkung auf die Bedienung von Juden“ betätigen durfte. Doch was war schon an den noch in Mühlheim verbliebenen 25 verarmten und mittellosen Juden zu verdienen. Ihre Tochter Hanna (*1922), die die jüdische Bezirksschule in Offenbach besucht hatte, schickten sie im September 1940 nach Paderborn, der Sohn Leopold (*1921) war kurz vorher nach Dänemark gegangen. Paul und Julia hausten nun allein, ohne Arbeit, ohne Einnahmen und hungerten sich mehr schlecht als recht durchs Leben.

Der Winter 1941/42 war einer kältesten im letzten Jahrhundert, in Mühlheim lag dicker Schnee. Die Wohnungen waren kalt, es gab kriegsbedingt kaum Heizmaterial. Selbst die Soldaten froren und erfroren, die Front im Osten war zum Stillstand gekommen.

Nach einer Dienstbesprechung schritt im knirschenden Schnee der damalige Bereitschaftsführer des Roten Kreuzes, Nikolaus Blümmel, den Mantel fest geschlossen, eilig seiner Wohnung in der Marktstraße zu. Plötzlich bemerkte er neben sich Schritte und eine leise Stimme lispelte etwas. Der Mann neben ihm versuchte ihm klarzustellen, dass seine Frau Julia Tag und Nacht weine, nicht schlafen könne und schlimme Schmerzen in ihren eitrigen Fingern hätte. Er bat händeringend ihr doch zu helfen. Herr Blümmel erkannt in dem Bittsteller sofort den Juden Paul Fritz.

Deutsche Ärzte durften Juden nicht behandeln. In seiner größten Not sprach er den damaligen Bereitschaftsführer des Roten Kreuzes, Nikolaus Blümmel, an, den er nicht gerade zufällig am Abend in der Marktstraße traf, mit der inständigen Bitte, seiner Frau zu helfen.

Blümmel schlich sich am nächsten Abend in die Herrnstraße und behandelte die Wunde, meinte aber auch, dass er mehrmals kommen müsse, so schnell heile der Finger nicht. Dabei musste er die unsägliche Not der beiden feststellen, sie hatten weder Brot noch eine Kartoffel zu essen. Als er sich am nächsten Abend in aller kriegsbedingten Verdunkelung wiederum zu den Fritzens schlich, hatte er in seiner Blechtrommel, die mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet war, nicht nur Salben und Desinfektionsmittel, sondern auch Lebensmittel, soweit sie eigene Erzeugnisse und auch entbehrlich waren, eingepackt. Die Überlebensfreude war groß.

Nikolaus Blümmel, als überzeugter Rot-Kreuz-Mann, setzte seine Abendbesuche mit der Rot-Kreuz-Büchse auch noch fort, als der Finger längst geheilt war. Er musste eben helfen. Natürlich waren seine Besuche bei den Fritzens nicht unbemerkt geblieben, in der Mühlheimer Altstadt kannte ja jeder jeden. Der eine oder andere „braune“ Genosse warnte ihn handfest, er werde eben auch im KZ enden.

Monate später: Eines Abends im September 1942 klopfte es bei dem Täschner Nikolaus Blümmel in der Marktstraße an die Haustüre. Beim Öffnen schob sich Paul Fritz mit einem dicken Koffer herein, entschuldigte sich höflich und sagte zum Hausherrn: „Wir haben eben erfahren, dass wir in Kürze abgeholt werden, also von hier weg müssen. Gott der Gerechte allein weiß, wohin wir kommen. Was im Koffer ist, gehört Euch, wir können nicht mitnehmen. Bitte öffnet den Koffer aber erst, wenn wir eine Weile weg sind.“ Sprachs und verschwand unter Tränen. Die Blümmels waren sprachlos und erschüttert.

Frau Bergmann, Tochter des Nikolaus Blümmel, welche mir die Geschehnisse erzählte, meinte, sie seien lange Zeit nicht fähig gewesen, in den Koffer zu schauen. Später stellten sie fest, dass sich darin Stoffe für Herrenanzüge und etliche Mädchenkleider von der Tochter Hanna befanden, die mit ihr gleichaltrig war. Sie habe aber diese Kleider aus Gewissensgründen nie tragen können. Obwohl sie nie erfahren habe, ob Hanna eine Flucht ins Ausland gelungen war, war ihre Trauer zu groß.

Der Sohn Leopold scheint irgendwann aus Dänemark zurückgekommen zu sein, denn er, sein Vater Paul und seine Mutter Julia galten nach dem Krieg in Polen als verschollen.

Leopold Friz wurde vom 02.10.1939 bis 15.12.1939 zum einem „Arbeitseinsatz“ nach Frankfurt/Oder geschickt. Am 24.02.1940 ist erst nach Dänemark gegangen. Wann er nach Mühleim zurück kam, ist nicht bekannt.

Anna Friz kam am 07.09.1940 nach Paderborn in das dortige „jüdische Umschulungslager“. Sie lernte dort Fredy Teesch kennen, der am 25.12.1920 in Berlin geboren wurde. Er war seit 04.09.1940 im Paderborner Lager. Beide heirateten am 08.04.1942.

Während der Aktion Reinhardt, d.h. im Rahmen der nach der Wannseekonferenz organisierten „Endlösung der Judenfrage“, dem Völkermord an den europäischen Juden wurden Paul, Jula und ihr Sohn Leopold am 17.09.1942 mit 15 anderen Mühlheimer Juden unter Bewachung der Gestapo nach Offenbach gebracht. Von Offenbach kamen sie nach Darmstadt und wurde am 30.09.1942 von dort mit 883 Juden ins Generalgouvernement nach Treblinka deportiert. Es ist zu vermuten, dass Paul, Jula und Leopold direkt nach der Ankunft im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde.

Am 01.03.1943 wurde das „jüdische Umschulungslager“ in Paderborn aufgelöst. Alle Insassen, auch Anna und Fredy Teesch, wurden nach Bielefeld und von dort am 02.03.1943 über Berlin nach Auschwitz deportiert, wo sie zusammen mit etwa 1.500 anderen jüdischen Männern, Frauen und Kindern am 03.03.1943 eintrafen. 820 Menschen dieses Transportes, darunter alle Frauen, wurden in den Gaskammern ermordet. Fredy Teesch wurde in Auschwitz am 21.06.1943 ermordet.

[1] Der Familienname „Friz“ oder „Fritz“ existiert in verschiedenen Schreibweisen. Die IG Stolpersteine benutzt die Schreibweise „Friz“. In Zitaten aus anderen Quellen können hiervon Abweichungen entstehen.

© Jörg Neumeister-Jung